Stammbäume und Familiendiagramme sind im Trend, immer mehr Menschen möchten mehr über ihre Vergangenheit erfahren. Der Genealoge Manuel Aicher spricht über mögliche Gründe und seine wissenschaftlichen Erkenntnisse.
VON MARKUS PRINCE
Der Begriff Genealogie, abgeleitet von „Gender“ und „Doktrin“, bezeichnet die Wissenschaft, die sich mit dem Ursprung und dem Schicksal von Generationen befasst. (aus: „Grundlagen der Familienforschung“)
„Absolut“, sagt Manuel Aicher, Inhaber eines genealogischen Büros und Leiter der Zentralstelle für genealogische Informationen der Schweizerischen Gesellschaft für Familienforschung (SGFF). „Es ist klar, dass das Interesse an der eigenen Herkunft und Familiengeschichte in den letzten Jahren gestiegen ist. Etwa ein Jahr nach dem Fall der Mauer“ (Berlin, 1989), sagt er. Aicher sieht einen möglichen Zusammenhang darin, dass die Teilung Berlins den Menschen Halt und Orientierung gab. Das Feindbild half vielen, die sich nun neu orientieren müssen.
Manuel Aicher, dessen Familiengeschichte im Raum Stuttgart-Nürnberg beginnt und der vor elf Jahren in die Schweiz kam (cherchez la femme), beschäftigt sich seit seinem 14. Lebensjahr hobbymäßig mit Gender Studies: „Aber ich weiß gar nicht mehr, woher das Interesse kommt.“ Er studierte anschließend Jura, merkte aber, dass dies nicht das Richtige für ihn war: „Justiz hat zu viel mit Argumenten zu tun.“ Die Ahnenforschung ähnelt vielleicht am ehesten einem Puzzle. Ihn fasziniert das Suchen und Zusammensetzen, das Zusammensetzen eines Gesamtbildes aus einzelnen Teilen, auch wenn sich das Puzzle manchmal nicht lösen lässt.
Schon als Student in Berlin konnte der Hobby-Genealoge sein Hobby mitunter zum Beruf machen. Nirgendwo seien die Archive für die Ostdeutschlandforschung besser ausgestattet als im ehemals geteilten Berlin, erklärt Aicher. So half er beispielsweise Menschen deutscher Herkunft, die im heutigen Polen oder Russland lebten, bei der Suche nach ihren Wurzeln oder Vorfahren.
Und in der Schweiz, wo er sein Hobby schließlich zum Beruf machte, erhält er mittlerweile viele Aufträge aus den USA. „Nachkommen von Schweizer Auswanderern“, sagt Aicher. „Die Schweiz war schon immer ein Auswanderungsland; im 18. Jahrhundert wanderten die Schweizer vor allem nach Süddeutschland aus, und seit dem 19. Jahrhundert zunehmend in die USA.“ Dort leben heute mit Sicherheit mindestens genauso viele Menschen schweizerischer Abstammung wie in der Schweiz selbst. „Wenn sich andere Länder in der Vergangenheit so verhalten hätten wie die Schweiz heute, wären die Menschen hier sicherlich schon längst am Boden zerstört oder elend verhungert.“
Die Genealogie hat ein konservatives Image – zu Unrecht, wie Manuel Aicher meint. Zwar gebe es bereits einige „Blutsverwandtenforscher“, doch „sie ist in Wirklichkeit eine sehr fortschrittliche Wissenschaft, die, wie das Beispiel der Schweiz zeigt, keine Grenzen kennt.“ Religiöse Grenzen seien viel wichtiger als politische. Beispiel Aargau: Die katholischen Fricktaler heirateten oft über den Rhein in deutsch- oder österreichisch-katholische Gemeinden ein, aber selten über den Bözberg in den anderen reformierten Aargau.
Eine Regel, die auch der Stammbaum des Künstlers und Diätologen Bruno Weber bestätigt: Die Verbindungen reichten vermutlich über Kantonsgrenzen hinaus, wurden aber im Wesentlichen innerhalb derselben Konfession geknüpft, wie Aicher anhand der von ihm eingesehenen Familienurkunden feststellen konnte. Was die Tafel ebenfalls deutlich zeigt: Ahnenforschung beginnt mit einer Person und erfasst – stets paarweise (Eltern) – deren Herkunft. In diesem Sinne ist sie auch einfacher und direkter als der Stammbaum, der von einem Vorfahren ausgeht und je nach Situation alle deren Nachkommen in weitverzweigter Linie aufzeichnet.
Wer heute bei Manuel Aicher einen Stammbaum oder eine Ahnentafel in Auftrag gibt, tut dies meist aus historischen Gründen, auf der Suche nach der eigenen Identität. Manchmal spielen religiöse Gründe eine Rolle, beispielsweise bei Konvertiten, die nach möglichen Vorfahren des gewünschten Glaubens suchen. Nur sehr selten sind materielle Gründe, vorwiegend erbrechtlicher Natur, von Bedeutung, um Ansprüche zu klären. Doch Vorsicht: Die eigene Vergangenheit kann, je nach Situation, teuer werden. Allein die Auszüge aus dem Register für Bruno Webers Stammbaum verursachten Gebühren von rund 300 Franken, was die Arbeit des Genealogen noch nicht deckt.