Millionär gestorben – Wo sind die Erben? – Schwäbische Zeitung

Heir-Ermittler Manuel Aicher spricht über seine berufliche Tätigkeit: „Man kann sie mit einem Kriminalfall vergleichen.“

Der 1. August 1992 war ein denkwürdiger Tag für vier entfernt verwandte Personen im US-Bundesstaat Illinois. Der Grund: Alle erhielten einen Anruf aus Europa. Der Zürcher Erbenermittler Manuel Aicher erklärte den verblüfften Amerikanern, dass sie Verwandte seien und das Erbe einer verstorbenen Multimillionärin aus dem Rheinland antreten sollten. Zunächst wusste niemand, wer die Erben waren. In solchen Fällen sind detektivische Recherchen nötig, um die Adresse der Erben ausfindig zu machen. Der 34-jährige Aicher führt solche Recherchen durch und bietet seine Informationen international an.

Sterben bedeutet Vererben. Das zuständige Amtsgericht bestellt einen Nachlassverwalter. Findet dieser innerhalb von zwei Jahren keine Erben, fordert das Nachlassgericht diese im Wege einer öffentlichen Ausschreibung auf, sich zu melden. Melden sie sich nicht, fällt das Erbe an den Staat. Doch wie erfahren die Erben von ihrem Glück? Die Informationslücke zwischen der offiziellen Ausschreibung und den ahnungslosen Erben kann oft nur durch einen Erbenermittler geschlossen werden.

„Die Branche ist relativ unbekannt“, sagt Aicher über seinen Beruf. Überraschend, denn die ersten Detekteien gab es bereits vor der Jahrhundertwende. Aicher: „Man muss international arbeiten, denken und sprechen können.“

Vor vier Jahren hätte der gebürtige Ulmer sich nie träumen lassen, dass er sich eines Tages offiziell Erbenermittler nennen würde. Bevor er die vier Amerikaner mit der guten Nachricht überraschen konnte, musste Aicher so einiges lernen. Nach dem ersten Staatsexamen in Rechtswissenschaften war ihm klar, dass ihm das Fach zu trocken war. Da erinnerte er sich an ein Hobby aus seiner Jugend: Ahnenforschung im nahegelegenen Allgäuer Dorf. „Manchmal ist es fast wie Detektivarbeit“, beschreibt Aicher die Ahnenforschung, die sich wie ein Puzzlespiel anfühlt.

Aicher erklärt, dass es bei Familienforschung darum geht, sich in das historische und soziale Umfeld einzufühlen. Er verbrachte seine Ferien in Pfarrhäusern, wo er – anfangs mit Hilfe seiner Mutter – alte Kirchenbücher entzifferte. „Man braucht historisches Wissen, Kenntnisse der Schrift und aller historischen Hilfswissenschaften“, berichtet Aicher, und auch „eine gewisse Intuition“ sei notwendig. Auch der Genealoge Manuel Aicher besaß diese 1991, als sich seine Forschungsblockade von den Vorfahren zu den Nachkommen verlagerte. Seitdem gehören „Genealogie und Erbenforschung“ zu seinen Angeboten als Freiberufler.

Für Aicher beginnen die Ermittlungen mit Vollmachten der Nachlassverwalter oder Bekanntmachungen des Amtsgerichts zur Erbensuche. Aicher: „Dann beginnt das Rennen.“ Standesamtsdokumente, Kirchenbücher, Nachlassakten, Adress- und Telefonbücher sowie Auswanderungsdokumente dienen als Quellen. Da Behörden unerwünschte Arbeit gern mit Verweisen auf den Datenschutz abwehren, ist der Erbenermittler froh über die Unterstützung eines Berliner Mitarbeiters, eines Hamburger Anwalts und eines internationalen Korrespondentennetzwerks.

Das Detektivprinzip gilt: „Man muss suchen, suchen, suchen.“ Ein besonders intensiver Ermittlungsort für Aicher ist Berlin. Dort nimmt er sich oft Fällen an, die andere bereits als hoffnungslos aufgegeben haben. Er findet Akten in den 23 Berliner Kommunalverwaltungen – und in rund 100 Pfarrämtern.

„Eines meiner Forschungsgebiete ist Ostdeutschland“, erklärt Aicher. Kriege, Teilung und der Wandel der Verwaltungssysteme sind die Gründe für den großen Untersuchungsbedarf. Kein Wunder also, dass mittlerweile auch westdeutsche Unternehmen zu Aichers Kunden zählen, beispielsweise bei Fragen zum Eigentum an Baugrundstücken für ihre Industrieansiedlungen.

Bei all diesen Aufgaben ist äußerste Gründlichkeit unerlässlich. Aicher: „Wenn jemand einen Neffen hat und man stattdessen die Onkel vorstellt, ist das natürlich die Hölle.“ Hinzu kommt, dass der Verlust wichtiger Dokumente mitunter dazu führt, dass die Recherche ergebnislos bleibt. Erfolg ist also keineswegs garantiert.

Schließlich hängen die Ereignisse oft mit familiären Enthüllungen zusammen. Eine Frau erfährt, dass sie einen Bruder hat. Oder der Sohn will nicht erben, weil er seinen Vater hasst. Der Familienhistoriker kennt niemanden, der das Erbe letztendlich abgelehnt hat. Doch die Reaktionen sind zunächst ganz anders, wenn der Erbenermittler anruft.

Manchmal stecken monatelange Recherchen hinter der Nachricht – sogar nachts und im Ausland. „Man kann es im Grunde mit einem Krimi vergleichen“, erklärt Aicher. „Wenn man das Ergebnis schon kennt, findet man die Vorgehensweise des Ermittlers langweilig.“ Und die Ermittler kamen meist ohne einen einzigen Verdächtigen auf die Spur. Die Erben sind das letzte Glied in einer langen Kette. Oft haben sie keine Ahnung, wie viel Aufwand die Ermittlungen gekostet haben. Manche glauben sogar, es sei eine Selbstverständlichkeit des Staates, sie über ihr unerwartetes Vermögen zu informieren. Natürlich sind die Ermittler zufrieden, wenn die Arbeit erledigt ist – nicht etwa mit Dankbarkeit der Glücklichen. Die Branche verlangt 15 bis 33 Prozent der Erbschaft als eine Art Finderprovision. Die Prozentsätze sind festgelegt. Erst nach Vertragsunterzeichnung erfährt der Erbe, woher die Summe stammt. Das Wissen der Nachkommen ist meist lobenswert: „Ohne Sie hätten wir unser Geld nie bekommen!“

Suzanne Lossau

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